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Brief an die Tantriker

Ein Tantriker sein, im Herzen der Gesellschaft, im täglichen Leben, das bedeutet, jede Situation die mich provoziert, als eine Gelegenheit zu empfangen, meinen Grenzen und meinen Einschränkungen ins Auge zu blicken. Und wenn ich das Vermögen habe hinzusehen, so habe ich auf der Stelle das flexibelste Werkzeug, das mir das Universum schenkt, um ein bisschen mehr Raum, ein bisschen mehr Freiheit zu gewinnen.
Jedes Mal, wenn ich es wage hinzusehen, ohne Urteil zu empfangen, was mich stört, entdecke ich ein bisschen mehr Raum in mir. Jedoch, wenn ich mich wehre, schließe ich ein wenig den Raum meines Herzens und meines Geistes, begrenze mich und ziehe mich ein bisschen mehr in mich zurück. In dieser Bewegung des Rückzugs werde ich steif, verliere die natürliche Geschmeidigkeit des Körpers und des Geistes, und fahre mit dem unerbittlichen Aufbau meines Panzers fort. Dieser Panzer schützt mich vor unangenehmen Situationen, aber er isoliert mich mehr und mehr. Bis ich mich schrecklich einsam und verlassen fühle. Da ich mich vor der Welt schütze, kann sie nicht mehr zu meinem Herzen vordringen. Letzten Endes bin ich es, der die Welt verlässt, indem ich es ablehne, mich destabilisieren zu lassen und verletzlich zu sein.

Empfangen bedeutet für einen Tantriker nicht eine Form von passivem und idiotischem Fatalismus, der aus Prinzip alles über sich ergehen lässt. Es handelt sich nicht um ein Ja, bei dem ich mich von einer Situation bis zur Vernichtung oder Erschöpfung auffressen und misshandeln lasse. Empfangen was auftaucht, ist für einen Tantriker gleichzusetzen mit einem aktiven und multidirektionalen Ja. Ein globales Ja, welches jede Situation in ihrer Ganzheit wahrnimmt und anhört. Eine Form von totaler Präsenz, die zugleich die eigene Aktionsfähigkeit sowie die des anderen, empfangen kann.

Empfangen heißt für einen Tantriker, die Fähigkeit wieder zu finden, seinen Geist und sein Herz völlig zu öffnen, damit was widersprüchlich scheint, letztendlich wieder zur Mitte finden kann. Das heißt die Quelle, aus der alle Unterscheidungen und gegensätzliche Paare auftauchen. In diesem Zustand der völligen Öffnung gibt es weder einen Standpunkt zu verteidigen, noch eine bezogene Position auf Teufel komm raus aufrecht zu erhalten.
Ich finde die Fähigkeit wieder, alle Gegebenheiten willkommen zu heißen.
Ich gebe die kranke Vorstellung des Geistes auf, die keine zwei verschiedenen Ansichten ertragen kann. Ich verlasse den Geist, der Gegensätze aufbaut, der teilt, um den Geist zu finden, der eint. Ich verlasse das Herz, das sich schließt und sich vor der Welt verteidigt, um das Herz zu finden, was sich öffnet, bis es die Gegensätzlichkeiten vereint.

Ein Tantriker sein heißt, bei jeder Situation in Entzückung zu geraten. Es bedeutet, in Mitten des täglichen Lebens kreativ zu werden. Unnütz, geschmacklose Gedichte zu schreiben oder Krusten zu malen, um vorzugeben, Künstler zu sein. Ich kann ein Künstler des alltäglichen werden, wenn ich es wage, weniger vorhersehbar für meine Katze, für meine Kinder, für meine Partner und für meinen Chef zu sein. So streue ich einen Funken, einen Farbtupfer, in das Grau meines Alltags. Das Gewöhnliche oder Außergewöhnliche ergibt keinen Sinn mehr. Oder die Langeweile dominiert, weil ich so steif und vorhersehbar geworden bin, dass ich keinen mehr überrasche, nicht mal mich selbst. Ich werde so ängstlich und vorsichtig, dass ich kein Risiko mehr eingehe. Ein Funktionierender des Alltäglichen, der es nicht erträgt, gestört oder auf Umwege gebracht zu werden. Wenn ich es jedoch wage jeden Morgen aufzustehen, ohne zu wissen, so blicke ich neu und frisch auf meine Umgebung. Wie der Maler oder Schriftsteller vor einem weißen Blatt Papier, tauche ich jeden morgen in meine Atmung ein, in meine volle Präsenz, um das rechte Wort oder die rechte Handlung zu finden. Das, was dem Augenblick entspricht, und nicht eine mechanische und sich wiederholenden Handlung, die nach Schimmel stinkt, weil sie in meinem körperlichen und psychischen System gärt.

Ein Tantriker sein heißt, alle Situationen des täglichen Lebens zu nutzen, um das Bewusstsein und die Präsenz zu vertiefen. Für einige Minuten spüre ich jeden Wassertropfen, der auf meine Haut tropft, während ich morgens dusche. Ich spüre den Luftzug auf meiner Haut, während ich zur Arbeit gehe. Für einige Minuten lasse ich meinen Blick sich im azurblauen Himmel auflösen. Ich lasse mich vom Klang einer Sirene von den Zehenspitzen bis zum Scheitel meines Kopfes durchfluten... Ein Tantriker sein bedeutet, die Gesamtheit der sensorischen Erfahrungen in den Weg zu integrieren. Ich spalte die Wirklichkeit nicht in zwei Kategorien: das Profane und das Heilige. Ich betrachte alle Erfahrungen als Heilig, von dem Moment an, in dem Bewusstsein und Präsenz vorhanden ist. Und die Qualität und die Tiefe dieser Präsenz hängen von meiner Fähigkeit ab, die sensorische Erfahrung pur zu belassen. Das heißt, frei von allen Kommentaren, frei von meiner Arroganz, jede Erfahrung zu ergreifen und in Beschlag zu nehmen. Wenn ich die Verfügbarkeit und den Mut finde, mein ganzes Sein diesem stillen Hinhören und sensorischen Wahrnehmen des Lebens hin zu geben, entdecke ich, dass die Wirklichkeit gesättigt vom Absoluten ist.
Auf diese Weise beruhigt sich meine Angst, ich verstehe auf eine sehr organische Art und Weise, dass es nichts zu modifizieren gibt, nichts zu beseitigen, nichts zu verbannen, da alles Ausdruck des Göttlichen ist. In diesem Zustand der sehr tiefen und globalen Entspannung verlieren mein Körper und mein Geist ihre Grenzen und vereinigen sich auf natürlicher Weise mit der Gesamtheit.

Ein Tantriker sein heißt, den Geschmack des Spiels und die kindliche Leichtigkeit wieder zu finden, sowie mindestens eine Dummheit pro Tag zu machen. Es bedeutet, aufzuhören, mich so sehr ernst zu nehmen und mich für so wichtig zu halten. Ich habe den Mut, meiner Anmaßung gewahr zu werden, zu glauben, es für den ganzen Planeten zu wissen.
Ich finde die Demut wieder, im „ich weiß nicht“ zu sein. So lasse ich die Gewohnheit fallen, Informationen und Wissen, die an meinen Standpunkt limitiert sind, anzusammeln. Ich lasse die diskursive und geschwätzige Intelligenz sich Stück für Stück beruhigen und zur Stille finden, indem ich aufhöre, sie zu nähren. Und wenn der Diskurs und Kommentar über die Welt schweigt, habe ich endlich Zugang zur intuitiven Intelligenz.  Dass heißt, eine Kenntnis, die ihre Universalität wieder findet, weil sie es nicht mehr nötig hat, die Welt in getrennte und gegensätzliche Stücke zu zerteilen. Auf diese Weise habe ich Zugang zu der Kenntnis, die keine Grenze hat. Mein Verständnis ist direkt, intuitiv und entsteht aus einem wirklichen Kontakt mit dem, was ist. Es ergießt sich aus meiner sensiblen Wahrnehmung und meinem globalen Zuhören. Diese Kenntnis ist nicht mehr verdunkelt durch den undurchsichtigen Filter der Konzepte, Urteile und Glaubensgrundsätze, die mich der ursprünglichen Essenz der Wirklichkeit berauben. Sie findet ihre Geschmeidigkeit, ihre Frische und ihre Harmonie mit der Welt wieder.