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Brief an die Tantriker Ein Tantriker sein, im Herzen der Gesellschaft, im täglichen Leben, das bedeutet, jede Situation die mich provoziert, als eine Gelegenheit zu empfangen, meinen Grenzen und meinen Einschränkungen ins Auge zu blicken. Und wenn ich das Vermögen habe hinzusehen, so habe ich auf der Stelle das flexibelste Werkzeug, das mir das Universum schenkt, um ein bisschen mehr Raum, ein bisschen mehr Freiheit zu gewinnen. Empfangen bedeutet für einen Tantriker nicht eine Form von passivem und idiotischem Fatalismus, der aus Prinzip alles über sich ergehen lässt. Es handelt sich nicht um ein Ja, bei dem ich mich von einer Situation bis zur Vernichtung oder Erschöpfung auffressen und misshandeln lasse. Empfangen was auftaucht, ist für einen Tantriker gleichzusetzen mit einem aktiven und multidirektionalen Ja. Ein globales Ja, welches jede Situation in ihrer Ganzheit wahrnimmt und anhört. Eine Form von totaler Präsenz, die zugleich die eigene Aktionsfähigkeit sowie die des anderen, empfangen kann. Empfangen heißt für einen Tantriker, die Fähigkeit wieder zu finden, seinen Geist und sein Herz völlig zu öffnen, damit was widersprüchlich scheint, letztendlich wieder zur Mitte finden kann. Das heißt die Quelle, aus der alle Unterscheidungen und gegensätzliche Paare auftauchen. In diesem Zustand der völligen Öffnung gibt es weder einen Standpunkt zu verteidigen, noch eine bezogene Position auf Teufel komm raus aufrecht zu erhalten. Ein Tantriker sein heißt, bei jeder Situation in Entzückung zu geraten. Es bedeutet, in Mitten des täglichen Lebens kreativ zu werden. Unnütz, geschmacklose Gedichte zu schreiben oder Krusten zu malen, um vorzugeben, Künstler zu sein. Ich kann ein Künstler des alltäglichen werden, wenn ich es wage, weniger vorhersehbar für meine Katze, für meine Kinder, für meine Partner und für meinen Chef zu sein. So streue ich einen Funken, einen Farbtupfer, in das Grau meines Alltags. Das Gewöhnliche oder Außergewöhnliche ergibt keinen Sinn mehr. Oder die Langeweile dominiert, weil ich so steif und vorhersehbar geworden bin, dass ich keinen mehr überrasche, nicht mal mich selbst. Ich werde so ängstlich und vorsichtig, dass ich kein Risiko mehr eingehe. Ein Funktionierender des Alltäglichen, der es nicht erträgt, gestört oder auf Umwege gebracht zu werden. Wenn ich es jedoch wage jeden Morgen aufzustehen, ohne zu wissen, so blicke ich neu und frisch auf meine Umgebung. Wie der Maler oder Schriftsteller vor einem weißen Blatt Papier, tauche ich jeden morgen in meine Atmung ein, in meine volle Präsenz, um das rechte Wort oder die rechte Handlung zu finden. Das, was dem Augenblick entspricht, und nicht eine mechanische und sich wiederholenden Handlung, die nach Schimmel stinkt, weil sie in meinem körperlichen und psychischen System gärt. Ein Tantriker sein heißt, alle Situationen des täglichen Lebens zu nutzen, um das Bewusstsein und die Präsenz zu vertiefen. Für einige Minuten spüre ich jeden Wassertropfen, der auf meine Haut tropft, während ich morgens dusche. Ich spüre den Luftzug auf meiner Haut, während ich zur Arbeit gehe. Für einige Minuten lasse ich meinen Blick sich im azurblauen Himmel auflösen. Ich lasse mich vom Klang einer Sirene von den Zehenspitzen bis zum Scheitel meines Kopfes durchfluten... Ein Tantriker sein bedeutet, die Gesamtheit der sensorischen Erfahrungen in den Weg zu integrieren. Ich spalte die Wirklichkeit nicht in zwei Kategorien: das Profane und das Heilige. Ich betrachte alle Erfahrungen als Heilig, von dem Moment an, in dem Bewusstsein und Präsenz vorhanden ist. Und die Qualität und die Tiefe dieser Präsenz hängen von meiner Fähigkeit ab, die sensorische Erfahrung pur zu belassen. Das heißt, frei von allen Kommentaren, frei von meiner Arroganz, jede Erfahrung zu ergreifen und in Beschlag zu nehmen. Wenn ich die Verfügbarkeit und den Mut finde, mein ganzes Sein diesem stillen Hinhören und sensorischen Wahrnehmen des Lebens hin zu geben, entdecke ich, dass die Wirklichkeit gesättigt vom Absoluten ist. Ein Tantriker sein heißt, den Geschmack des Spiels und die kindliche Leichtigkeit wieder zu finden, sowie mindestens eine Dummheit pro Tag zu machen. Es bedeutet, aufzuhören, mich so sehr ernst zu nehmen und mich für so wichtig zu halten. Ich habe den Mut, meiner Anmaßung gewahr zu werden, zu glauben, es für den ganzen Planeten zu wissen.
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