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Die Meisterin der Stille

Nathalie, Sie sind einen sehr interessanten Weg gegangen: einerseits Ausbildung, Beruf, Familie - ganz typisch für eine westliche Frau - andererseits sind Sie einem Erleuchtungspfad gefolgt - eher untypisch für eine westliche Frau. Wie haben Sie all die realen Aufgaben und Anforderungen mit der spirituellen Praxis verbinden können?  Ich nehme an, dass auch Ihr Tag nur 24 Stunden hat, auch Ihre Kräfte irgendwann erschöpft sind, auch Sie unter der typischen Mehrfachbelastung der westlichen Frau manchmal geächzt haben. Wie gelingt es Ihnen, so konsequent einen Erleuchtungsweg zu gehen und sich trotzdem den Herausforderungen des Alltages zu stellen?

Als ich meinen Meister Daniel Odier getroffen habe, arbeitete ich in Paris als Vollzeit - Art Direktorin, ich war verheiratet und hatte eine zweijährige kleine Tochter. Ich war sozusagen „overbooked“. Es war mir unmöglich, eine halbe Stunde zu haben, um allein in Ruhe zu meditieren. Ich war sehr oft entmutigt, weil ich damals überzeugt war, dass dieser Kontext mich daran hinderte auf dem Weg voran zu kommen. Oft wollte ich Mann, Arbeit, Kind, aufgeben, um in der Tiefe des Himalajas zu verschwinden. Glücklicherweise hat mir mein Meister immer davon abgeraten und meinte, genau dieser Kontext wäre ideal für mich. Später verstand ich, dass er Recht hatte. Dieser Kontext hat mich vor der Falle eines romantischen Asketenlebens, völlig abgeschnitten von der Welt, bewahrt und hat mich gezwungen zu entdecken, wie es ist, innerhalb von Tätigkeiten zu praktizieren. Die Praxis hat sich so total in meinen Alltag integriert und dieser ist mein kreativstes Erkundigungsfeld geworden.

Was bedeutet Erleuchtung/Verwirklichung für Sie. Wie haben Sie sie erfahren? Wie kann ich mir diese als Unerfahrene vorstellen?

Das Erwachen ist ein karmischer Zufall. Es ist radikal und brutal. Darauf kann man sich nie vorbereiten. Wenn das geschieht, verschwindet der Kommentator augenblicklich und total. Es bleibt nichts als Öffnung, Raum und totales Gewahrsein. Es gibt niemanden mehr, um sich die Erfahrung anzueignen, sie zu kommentieren oder sie auf seine persönliche Geschichte zu beschränken. Man wird Eins mit dem Universum. Es ist wie ein gegenseitiges Wiedererkennen zwischen dem Universum und einem selbst. Das ist sehr berauschend. Ich fühlte mich trunken von einer überströmenden, grundlosen Freude, von einer massiven Öffnung, die sich endlos ausbreitete. Derjenige, der sich das Erwachen vorstellen will, ist genau der, der sterben muss, damit das geschehen kann. Diese Erfahrung ist jenseits von einem selbst und geht darüber hinaus. Also ist es vergeblich zu versuchen, sich das vorstellen zu wollen.

Erleuchtet wird Mensch ja nicht so nebenbei oder doch? Oder haben Sie hart daran gearbeitet?

Man kann die Erleuchtung ohne irgendeine Vorbereitung oder Praxis erfahren. Bei einem emotionalen Schock zum Beispiel. Aber um die Kraft und die Radikalität dieses Ereignisses zu integrieren scheint es mir wichtig zu sein, den Körper/Geist vorzubereiten durch Praktiken, die über tausende von Jahren durch die Erfahrung von vollkommen verwirklichten Yogis und Yoginis entwickelt und verfeinert wurden.
Dann - nach dem Erwachen - ist die Gegenwart eines Gurus, einer Linie und von Praktiken, die von einer authentischen Tradition stammen, eine unschätzbare Hilfe, damit das Aufblühen sich weiterhin mit Anmut, Harmonie und Tiefe entfalten kann.

Wollten sie erleuchtet werden oder ist es passiert? Kann Mensch Erleuchtung überhaupt wollen? Ist es Gnade oder beharrliches Dranbleiben?

Ja, ich war förmlich vom Erwachen besessen, das war die wichtigste Sache in meinem Leben!
Diese Besessenheit hat eine Konstante und eine gnadenlose Entschlossenheit erschaffen, ich war nie davon beurlaubt als Praktizierende. Und gleichzeitig möchte ich sagen, dass es ohne mein Tun geschah, die Intensität des Rufes war so machtvoll, dass ich nicht widerstehen konnte.

Oft wird gesagt: Wasser tragen/ Holz hacken vor der Erleuchtung, Wasser tragen / Holz hacken danach. Wie ist Ihr Leben danach? Oder gibt es gar kein Danach?

Man bleibt genau dieselbe wie zuvor, das konkrete Leben ändert sich nicht. Man macht weiterhin seine Einkäufe im Supermarkt, Staubsaugen und die Miete zahlen. Aber etwas ist radikal verschwunden, ein Schleier ist unwiederbringlich zerrissen. Das ist so, als ob man das Breitwinkelobjektiv entdecken würde, nachdem man Jahre damit zugebracht hat, beim Zoomobjektiv stecken zu bleiben! So entdeckt man, dass der Raum den Hintergrund für alle Ereignisse bildet und dass das der natürliche Zustand ist. Die Probleme des täglichen Lebens verschwinden nicht, aber sie sind nicht mehr problematisch, denn die irrige Idee, dass das, was einem geschieht, nicht richtig sei und dass es anders sein müsse, hört auf. Nach dem Erwachen ist man der Überzeugung, dass alles vollkommen ist, selbst, wenn es nicht bequem ist.

Ihr Meister ist Daniel Odier, also ein Mann. War da auch manchmal die Sehnsucht nach einer Frau als Meisterin?

Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass er meine Situation als Frau und Mutter solidarischer betrachtet hätte, aber all das sind nur Verzierungen und das was wichtig ist, war schon da - die Anerkennung des Herzens. Auf dieser Ebene wird das Schildchen Mann oder Frau zum Konzept, das uns von der Quelle entfernt. Über seine physische Erscheinung hinaus ist mein Meister nur Raum und es ist dort, dass ich ihn eingeholt habe und mich mit ihm vereint habe.

Gibt es für Sie eine weibliche und männliche Praxis? Wenn ja, was ist der Unterschied?

Nein. Offensichtlich gibt es zwei Körper die nicht die gleichen Charakteristiken haben, aber wenn wir uns in einer Zuhörensebene als Frau befinden, können wir die Art und Weise, wie ein Mann seine Emotionen lebt und  empfindet, wirklich verstehen und ihn so empfangen, wie er ist, und umgekehrt auch. Die wesentliche  Verfeinerung der Praxis auf diesem Weg ist die Kunst des Zuhörens, als Mann, als Frau, als Esel, als Holzklotz hinzuhören, es ist nur das Mentale, das etikettiert, das es nötig hat, einen Unterschied zu kennen.

Was bedeutet Frausein für Sie?

Eine Frau ist ein lebendes Wesen mit der Fähigkeit, die Unterweisungen dreihundertfünfundsechzig mal schneller als ein Mann zu verstehen und zu integrieren. Für sie ist die kreisrunde Logik - die Gegensätze begegnen sich, verschmelzen und werden Eins - quasi angeboren ; das ist es, was Frauen für den Mann so unverständlich macht !

Gibt es zwei Nathalies? Die Meisterin und die Alltagsfrau?

Nein, es gibt Nathalie und den völlig ineinander übergreifenden Raum ; gelegentlich ist es für Nathalie nötig, aus sozialen und praktischen Gründen in die erste Ebene über zu gehen. Es ist in der Tat viel einfacher für meine Tochter, dass Nathalie sie zu Schule bringt, denn wenn es den Raum wäre, würde sie ernsthafte Abwesenheits- Probleme bekommen !

Wie kommunizieren Sie ihre Erfahrungen Ihren Kindern? Halten Sie sie zur Meditation an? Wie meinen Sie, sehen sie ihre Mami?

Meine Tochter sieht mich seit zwölf Jahre in ihrer Gegenwart praktizieren und meditieren, ganz einfach, ohne formelle Rituale, es ist Teil unseres Alltags. Sie war sogar an dem Tag des Erwachens da und sie hat es direkt an ihrem Leib miterlebt, das war eine sehr kraftvolle Erfahrung für sie. Gelegentlich nehme ich sie in Lotusstellung auf meinen Schoß und ich atme mit ihr, sie lässt sich ein und ich spüre, dass sie den meditativen Zustand auskostet. Tatsächlich bekommt sie tagtäglich Unterweisungen, live, die Präsenz und das Zuhören, das ist eine Übertragung praktisch auf Zellenebene. Schließlich hat sie als Gegenüber einen Menschen, der keine Rolle spielt, von dem der Körper in Harmonie ist mit dem was er sagt, mit dem sie spielen und alles wagen kann, ohne Angst seine Liebe und Anerkennung zu verlieren.

Sie beginnen, die shivaitisch tantrische Tradition des Kaschmir zu unterweisen, eine jahrtausende alte Tradition, wie definieren Sie das Besondere an Ihrer Weitergabe?

Ich gebe eine lebendige Tradition weiter, die sich auf kein Dogma oder Glauben abstützt. Anstelle von Lehren gebe ich vielmehr eine Kunst des Bewusstseins und des Zuhörens inmitten des Alltagslebens wieder. Ich habe eine besondere Affinität zum Yoga vom Gewahrsein der Wirklichkeit und zu den Praktiken des Vijnanabhairava Tantra, aufgrund der Tatsache, dass ich Frau und Mutter bin, die mitten im aktiven Leben steht. Auch gebe ich regelmässig Strophen dieses Textes weiter, die wir direkt während der Seminare praktizieren. Ich kommentiere sie anhand meiner eigenen Erfahrung, Praxis und Verständnis, um ihre Essenz zu teilen.

Was können Sie suchenden Menschen mit auf den Weg geben?

Ich werde ihnen nichts geben, was sie nicht schon haben. Ich werde sie einfach, Dank meiner eigenen Erfahrung, auf ihrer Rückkehr zu ihrem eigenen Herzen begleiten. Ein Meister ist der Weg. Durch seine Gegenwart kann er die Essenz des Schülers zum Vibrieren und zum Schwingen bringen und erlaubt ihm damit nach und nach sein eigenes Selbst zu erkennen. Alle Übungen und die während der Seminare übermittelten Texte sind Hilfen, um dieses Wiedererkennen zu beschleunigen.

Wie politisch ist eine spirituelle Praxis? Die einen sagen: Jeder Mensch müsse bei sich anfangen, dann würde sich die Welt verändern. Die anderen sagen: Spirituelle Praxis heißt den Kopf in den Sand zu stecken vor den massiven Anforderungen der Zeit. Wie sehen sie das ?

Die wahrhaftige Politik sollte niemandem eine Sichtweise aufzwingen sondern sollte eine Unterstützung sein um zu erlauben, dass das, was in jeder Situation am besten angebracht ist, auftauchen kann. Wenn die Politiker die Kunst des Zuhörens entwickelten - die bei dem inneren Hinhören beginnt und sich anschließend nach außen erweitert - generierte das sicherlich viel Harmonie auf der sozialen Ebene. Wenn sie ihre Fähigkeiten des Zuhörens weiter entwickelten, bis sie keinen Unterschied zwischen innen und außen erspüren, würde dies auf einen Schlag alle Probleme der Innen- und Außenpolitik regeln ! Aber zu diesem Zeitpunk würde es kein Politiker mehr geben sondern große Weise.

Möchten Sie manchmal auch „NICHT ERLEUCHTET SEIN“?

Die, die will existiert nicht mehr !

Interview mit Nathalie Delay - Sommer 2009