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Der kaschmirische Shivaismus ist ein tausende von Jahren alter mystischer Weg, der während sehr langer Zeit durch Unterweisungen von einer unglaublichen Modernität und einer seltenen Kargheit mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben wurde. Die ersten Texte dieser Tradition richten sich an die intuitiven und freien Intelligenzen und bieten ihnen dabei auf Anhieb die absolute Wahrheit an.

„Du bist Shiva
Shiva ist das Selbst
Erleuchtet seit Anbeginn
Ohne Geburt oder Tod
Das Universum ist das Spiel Deines Bewusstseins.“1

Eine der Besonderheiten des Tantrismus ist die starke Präsenz der Frauen, das hat dieser mystischen Richtung ermöglicht, niemals schwerfällig zu werden, sei das durch Gebote, zu ausgeklügelte Formen oder durch ein verknöchertes hierarchisches System. Sie verstanden sich darauf, einmalige Unterweisungen zu kreieren, die vollkommen ins Reale eingebettet sind und offen für die Gesamtheit der Menschen, ohne jegliche Unterscheidung.

Die tantrischen Unterweisungen laden uns dazu ein, in einer von jeglichem Trick und Dogma befreiten Bewegung ein immer direkteres und tieferes Gewahrsein dessen, was ist auszukosten. Sie lassen uns eine Aufmerksamkeit entdecken, die das Wirkliche weder kommentiert noch beurteilt. Eine Aufmerksamkeit, die sich ausdehnt und die aufhört, das zu sortieren, was gut oder richtig für uns ist und das, was spirituell ist von dem, was es nicht ist. So kommen wir in ein leichtes und intensives Gewahrsein hinein, sensibel und immer neu, niemals hergestellt angesichts dessen, was ist. Das Leben selbst wird unser Ort zum erforschen, praktizieren und kreieren. Wir werden es wagen, in einen sensoriellen, nicht vom Mentalen gefilterten Kontakt mit der gesamten Erscheinungswelt einzutauchen. Dieser Kontakt wird weder durch einen Glauben, noch durch ein Ritual beeinträchtigt.

„Im Zustand extremer Begierde, im Zorn, bei Habsucht, Verwirrung, Stolz oder Neid, dringe in dein eigenes Herz ein und entdecke die unter der Oberfläche dieser Zustände liegende Ruhe. Meine Begierde, mein Zorn, meine Gewalttätigkeit, mein Stolz. Du hast mir gezeigt, dass, ohne diese Zustände im Innersten zu berühren, die Liebe nicht erblühen kann.“1

Inmitten dieser uneingeschränkten Vertrautheit mit uns selbst befindet sich der Goldklumpen des Selbst, die räumliche Quelle, aus der in einem unablässigen Kreislauf alles emporsteigt und wieder zurückkehrt, um sich aufzulösen. Der Shivaismus führt uns zu einer reinen Nicht-Dualität zurück: nichts Göttliches ausserhalb von einem selbst. Wir sind der Tempel, der Anbeter und der Angebetete, die symbolische Übersetzung des shivaitischen Dreizacks. Diese tausende von Jahren alte mystische Richtung lädt uns zum Wiedererkennen unserer seit jeher reinen und freien Essenz ein, um endlich wieder ein lebendiger, freier und spontaner Mensch zu werden.

 

1. Auszüge aus: Tantra Yoga. Der Weg zur höchsten Erleuchtung. Übertragen und kommentiert von Daniel Odier. Diederichs Gelbe Reihe 2006