Auszug eines erscheinenden Buches auf französisch

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Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen Bereich meines Körpers lege – zum Beispiel die Schulter, welche eine sehr empfindliche Region bei mir ist – dann habe ich das Gefühl, dass mir das wieder die Richtung gibt, denn ich habe die Tendenz, mich sehr schnell von meinen Kommentaren mitnehmen zu lassen und mich in ihnen festzufahren…

Der Körper ist unser Verbündeter bei der Rückkehr zur Wahrheit, denn er kann nicht lügen. Seine Botschaften sind so direkt, dass sie uns helfen, zur Wirklichkeit zurückzukommen, wenn wir lernen, sie zu hören. Wohingegen wir uns in den Labyrinthen unseres Verstandes verlieren können. Die Empfindung, die ist konkret, und wenn wir fühlen wollen, müssen wir still sein. Die Wahrheit des Körpers zu spüren gibt uns wieder die Richtung: eintauchen in die Tiefe unseres Seins um zu entdecken, was wir sind.

Ein empfindlicherer Bereich unseres Körpers kann zu einer Eingangstür werden, vorausgesetzt, dass er nicht durch ein Bild, eine Geschichte oder eine Erinnerung überlagert wird. Es geht darum, das Wort der Empfindung zu erteilen. Sie offenbart sich im Moment und man muss ihr wirklich zuhören – ohne andere Absicht. Man macht sich völlig verfügbar. In dieser Position, in der wir uns öffnen und in der wir nichts wissen, lässt die Ego-Struktur los. Weil das Ego letztendlich eine zusammenziehende Bewegung ist. Indem wir außerdem eine Empfindung freilassen, geben wir ihr den Raum, um sich auszubreiten, ohne zu wollen, dass sie verschwindet oder dass sie sich verändert; dies hat eine unmittelbare Auswirkung auf die Ego-Kontraktion. Letztere entspannt sich, weil sie nichts machen muss, auch nicht die Situation auflösen. Man fühlt sich also, als ob man in eine viel weitere Dimension von sich selbst gleitet. Wenn wir uns nicht mehr vor unseren Empfindungen zurückziehen müssen, weil wir sie nicht mehr zu ergreifen brauchen, stehen wir nicht mehr unter der Macht der Ego-Aktivität. Letztendlich ist es einfach, sich vom Ego zu befreien: es reicht, sich entspannen zu lassen und ihm zu verstehen geben, dass es nicht verpflichtet ist, einzugreifen; dass es die Dinge so sein lassen kann, wie sie sind. Die Empfindung ist ein starker Weg der Erkenntnis, denn sie ist lebendig. Sobald wir sie ergreifen, erstarrt und schweigt sie; wohingegen wenn wir sie frei sprechen lassen, bringt sie uns in Kontakt mit der Substanz unseres Seins und von da zur Essenz der Wirklichkeit. Sie lässt uns unmittelbar die Abwesenheit von Trennung und Grenzen schmecken.
 
Man kann ebenfalls im Kontakt mit der Empfindung der Gegenwärtigkeit sein, die vom Körper während der Aktivität herrührt: vor seinem Computer, am Steuer seines Wagens, beim Geschirr spülen. Dies erlaubt uns, die Bedeutung der Einheit bei jeder Gelegenheit wiederzufinden, nicht nur auf seiner Matte. Letztendlich ist das Yoga nicht nur eine Angelegenheit von Asanas sondern von einer richtigen Geste und Haltung. Eine richtige Bewegung kommt aus dem Moment, sie entsteht aus der Präsenz und wird nicht deformiert vom Ego und seiner Notwendigkeit, Erfolg zu haben. Yoga, das ist in jedem Augenblick aus der Wahrheit des Moments zu handeln und zu sprechen und nicht aus einem mentalen Schema oder einer Geschichte heraus.

Nathalie Delay

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Malerin seit ihrer frühesten Kindheit, begegnet Nathalie im Alter von 26 Jahren den traditionellen tantrischen Lehren des Kaschmir. Von diesem Weg unmittelbar berührt, welcher völlig im Einklang mit ihrer künstlerischen Ader steht, widmet sie sich diesem über 15 Jahre lang an der Seite ihres ersten Meisters Daniel Odier. Als Hausfrau und Mutter sowie verankert im Berufsleben ist es naheliegend , ihre Suche zu leben, ohne sich von der Welt zurückzuziehen. Das gewöhnliche Leben wird ihr Feld der Erkundung und ihre Praxis. In ihrem Alltag finden die tiefsten Erkenntnisse statt, die sie dazu bringen, ihrerseits zu unterrichten.
Seit 10 Jahren, genährt durch die Begegnung mit dem Yoga der Non-Dualität von Eric Baret, überträgt Nathalie eine Lehre, welche vor allem die Früchte ihrer eigenen Erfahrung sind. Sie unterweist das Wirkliche, so wie es ein Chan-Meister ausdrückte. Unablässig bringt sie diejenigen, die zu ihr kommen, zur Wahrheit ihres Seins zurück und ermutigt sie, die Wirklichkeit für sich selbst zu erforschen und sich dabei von keiner Vorstellung oder keinem Glaubenssatz blenden zu lassen.